Mittwoch, 4. Januar 2012

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Mit Homer und Mozart durchs Jahr - täglich eine Episode aus der Odyssee und
Musik von Amadé ...


Amadés Werke

- reine Musik - und die Irrfahrten des Odysseus - von Homer in Hexametern erzählt - miteinander verwoben: frappierende Übereinstimmungen und erstaunliche Anknüpfungspunkte ...

Mozart-Fans aus der ganzen weiten Welt versorgen YouTube mit Amadés Musik, ob aus Nord- oder Südamerika, Japan, Rußland, Europa. Beweis für die weltumspannende Faszination seines Genies....

Neugierig auf Don Giovanni, dessen letztes Abenteuer der Tod ist:
Dem Reisenden Erlösung, dem Nach-dem-Leben-Suchenden letzte Wahrheit.

Neugierig auf Leporello, die Kehrseite seines Herrn, Mitreisender und Mitgezeichneter.

Neugierig auf Odysseus, die Irrfahrten allen Lebens.

Neugierig auf Amadé, der diese und andere Figuren auf die Reise schickt,  ihre
Hoffnungen, Ängste, Träume und Alpträume spürbar macht. 
Der seine Konflikte mit Autorität und Rebellion, Liebe und Tod, Geborgenheit und Einsamkeit, Wahrheit und Lüge uns erleben läßt. Der die "innere Geschichte" seines Lebens erzählt, selten konform mit den äußeren Umständen.


Odyssee

Das älteste und einflussreichste Werk der abendländischen Literatur ist Homers Odyssee aus dem 8. Jahrhundert v. Chr., das handelt von den Abenteuern des Königs Odysseus und seiner Gefährten im Kampf um Troja und auf ihrer überlangen Heimreise und erzählt von der Suche des Sohnes nach dem vermissten Vater.
Der junge König auf der kleinen Insel Ithaka zieht - widerwillig - in den zehnjährigen Krieg, irrt weitere zehn Jahre umher. Unerkannt und als Bettler kehrt er als einziger heim, findet sein Haus voller Fremder, die sein, des Totgeglaubten Eigentum verprassen.
Die - uneinigen - Götter und Halbgötter mit menschlichen Zügen wirken stets mit am ruhelosen Schicksal des listenreichen Helden und einsamen Dulders. Durch die Himmel der Liebe und die Hölle der toten Seelen geht seine Reise. Er trifft Kikonen, Lotophagen, Kyklopen, Laistrygonen, Sirenen, Phaiaken, Kirke und Kalypso, Skylla und Charybdis, durchsegelt Orkane, erleidet Schiffbruch ...  


War es ein oder sind es mehrere Verfasser?

Wie immer die Antwort auf diese Homerische Frage auch lautet: Der Sänger der „Odyssee“ muss besonders gut erzählen, um seinen Zuhörern die bekannten Geschichten aus dem Troja-Sagenkreises schmackhaft zu machen. Atemberaubend die Dramaturgie des Freiermords: Der Erzähler pendelt zwischen gleichzeitigen Ereignissen an verschiedenen Schauplätzen. In Lakedaimon sucht Telemach seinen Vater, die Götterversammlung im Olymp beschließt dessen Heimkehr, Odysseus harrt derweil in der Grotte Kalypsos seines Schicksals. Der Erzähler wechselt zwischen Perspektiven und Zeiten, lässt Teiresias die Zukunft voraussagen und Odysseus  den Phäaken in großer Rückblende seine Irrfahrten berichten.
Und immer hat eine Episode fast genau 30 Zeilen, mit denen der Sänger seine Zuhörer in Atem hält; das Blog bringt jeden Tag eine davon. Hatten die antiken Sänger ihren Vortrag ebenfalls für ein Jahr geplant?




Der listenreiche Protagonist ist ein Trickser vor Gott Zeus, einer, der alle hinters Licht führt – den Kyklopen Polyphem, dem er sich als „Niemand“ vorstellt, bevor er ihn blendet. Oder den getreuen Sauhirten Eumaios, dem er die Lügengeschichte auftischt, er sei ein Ex-Troja-Kämpfer aus Kreta. Odysseus, ein kluger, sein Risiko kühl kalkulierender Politiker  – ob er sich an den Mast binden lässt, um dem Gesang der Sirenen zu lauschen, oder ob er lieber sechs Mann der Skylla opfert, als die gesamte Besatzung an Charybdis zu verlieren. Verblüffend, wie selbstbestimmt und gewitzt Odysseus innerhalb mythischer Zwänge agiert.
In neuzeitlich anmutender Subjektivität brennt Homer sein erzähltechnisches Feuerwerk ab.  Irrfahrten und Odysseus’ verzögerte Heimkehr nach Ithaka haben sich mit spektakulären Bildern von Kampf, Schiffbruch und Rache tief ins kollektive Bewusstsein gegraben.

Überall auf der Welt warten Menschen auf irgendetwas. Penelope ist Metapher für unentwegtes, hoffnungsvolles Warten und Sehnen. Wie oft mag sie aufs Meer hinausgeschaut haben, immer in Erwartung, ein Segel könnte die Heimkehr des Odysseus bedeuten. Ithaka als Wort, als Symbol, als Ziel einer Reise zu sich. 

Und seit Heinrich Schliemanns Ausgrabungen ist der reale Hintergrund all dessen erwiesen, für Adorno ist Odysseus der erste Charakter, der sich nicht den Göttern und dem Schicksal ergibt, sondern dagegen ankämpft, Herrscher wird über das eigne Geschick, auferstanden am 16. Juni 1904 in Dublin als Leopold Bloom.




Wie bei Odysseus sind auch bei Mozart die nahtlos aneinandergefügten Reisen Sinnbild seines von Ruhelosigkeit geprägten Lebens. 1763, im Alter von sieben Jahren, bricht Amadé zur ersten großen Konzerttournee durch Europa auf, der geschäftstüchtige Vater hetzt ihn durch Europa: Salzburg, Wien, Mannheim, London, Paris, Den Haag, Mailand, Mantua, Rom.
Die Kulissen seiner Kindheit und Jugend sind harte Postkutschenbänke, derbes Gasthofsleben, fürstliche Festsäle, gepuderte Hofdamen, das geborgene Familienleben fehlt. Eine Musikkultur, die sich von den Fürstenhöfen in die bürgerliche Welt verlagert und unter wirtschaftliche Zwänge gerät, feiert ihr Wunderkind.

Wer ist dieser Mozart?

Menschen bekennen sich auch nach langer Beschäftigung mit seinem Werk noch immer als Suchende.

Warum klingt seine Musik so einfach?

Kluge Menschen von Hegel bis Hildesheimer sehen in Mozart Genie, gepaart mit Unvernunft und Unreife, im Film "Amadeus" ist er eher ein hysterischer Jüngling als ein rebellischer Mann.

Ein einfühlsamer Kurfürst sagt zu dem 25jährigen: "Man sollte nicht meynen, daß in einem so kleinen kopf so was grosses stecke" ...

Hans Neuenfels rät:
"Bei Mozart musst du alles befragen, sonst kommst du zu keinem Genuss. Winzige Steinchen trägst du zusammen. Du hortest Details. Du drehst die Steinchen um und entdeckst plötzlich eine andere Farbe, einen anderen Klang. Du musst die Steinchen wiederholt ordnen. Du verlierst die Nerven, wirfst alles durcheinander. Da entdeckst du ein neues Bild, und du und ich begreifen: Alles an Mozarts Musik ist abgefangen, abgeschöpft, abgerungen, erfunden, erdacht, entdeckt, erobert, ja, auch ertrotzt, erraten, erfingert, gewagt und erspielt, und ebendieses inbrünstig versteckte Vorher, dieses winzige Davor, dieses Stelldichein mit sich selbst, dieses närrische Nadelöhr, durch das er genüsslich mindestens zwanzig fette Kamele ziehen lässt, treibt ihn liebestoll und todesmutig in die Unfehlbarkeit."



Hört, lest, schreibt: eure Fragen, Ideen, Kritik, Ergänzungen, Erfahrungen mit zwei Großen aus Musik und Literatur!


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Dienstag, 3. Januar 2012

1. Januar

Mozart KV 1 - 5

Odysse 1, 1 - 27

Prolog im Himmel
Homer, der Sänger der Odyssee, ruft die Muse an, ihm zu erzählen von den Taten des vielgereisten Mannes, der, nachdem er das heilige Troja zerstört, gar viel umgetrieben wurde auf dem veilchenblauen Meer der Ägäis. Die meisten der Griechen, die vor Troja gekämpft, sind längst schon zuhause.
Homers Epos beginnt da, wo des Odysseus Irrfahrten bald zu Ende gehen: auf der Insel Gozo, wo Kalypso, die Nymphe wohnt, die sich in ihn verliebt hat.




Die Götter beratschlagen - einer fehlt zum Glück: des Odysseus Intimfeind, Meeresgott Poseidon ...

Scheinbar sehr ordentlich und ganz anders beginnt Amadés Odyssee.
1763 startet das Verzeichnis des Dr. Ludwig Ritter von Köchel (KV), in dem alle Werke Mozarts, des wohl größten Musikgenies  aller Zeiten, chronologisch aufgereiht sind, mit


Nr 1. Menuett und Trio für Klavier,

Zu jener Zeit ist der 7jährige Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart - so lautet sein Taufregistereintrag - als Wunderkind auf Tournee in Paris unterwegs. Der Vater schreibt die Kompositionen seines Kindes, der neben dem Klavier auch Violine spielt, in seiner Schwester Nannerls Notenbuch.  Kleine Meilensteine von untadeliger Scheibweise und  temperamentvollem Charakter. 













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2. Januar

Mozart KV 6 Sonate für Klavier und Violine

Odyssee 1, 28 - 79

Zeus nimmt als erster das Wort und tadelt die Menschen, die sich über die Götter beklagten. Sie erduldeten nur selbst verschuldetes Unglück. 

Athene setzt sich für ihren Favoriten Odysseus ein, den eine Göttin auf ihrer Insel  von der Heimkehr  auf seine Insel Ithaka abhalte.

Zeus erklärt, nicht er hindere Odysseus an seiner Heimkehr, sondern Poseidon. Dieser verüble es Odysseus, Poeidons Sohn Polyphem geblendet zu haben. Poseidon solle aber nun von seinem Zorn lassen, er könne sich nicht
gegen alle Götter stellen.


1764 weilen Mozarts zwar nicht auf dem Olymp bei Zeus, aber immerhin im Palast von Versailles, wo Leopold, Amadé und Nannerl König Ludwig XV. zwei Wochen lang musikalisch unterhalten.
Vater Leopold Mozart hat 1756 Versuch einer gründlichen Violinschule  veröffentlicht, eines der bedeutendsten
Werke zu diesem Thema. Dass bald der eigene Sohn mit einem derartigen Tempo das Violinspiel erlernen und dazu das Klavier so beherrschen würde, dass er die meisten erwachsenen Virtuosen in den Schatten stellt, übersteigt jedes Vorstellungsvermögen.  Und noch mehr, dass er im Alter von sieben Jahren zu komponieren beginnt.


KV 6 ein Rokoko-Leckerbissen, mit einer liebevollen Widmung an die königliche Prinzessin Madame Victoire de France:

                                           Madame
   Les essais que je mets à vos pieds, sont sans doute médiocres; mais lorsque Votre bonté me permet de les parer de votre Auguste Nom, le succès n'en est plus douteux, et le Public ne peut manquer d'indulgence pour un Auteur de sept ans qui paroit sous Vos auspices.
   Je voudrois, Madame, que la langue de la Musique fût celle de la reconnaissance; je serois moins embarrassé de parler de l'impression que vos bienfaits ont laissée dans mon cœur.  J'en remporterai le souvenir dans mon pays ; et tant que la Nature qui m'a fait Musicien comme elle fait les rossignols, m'inspirera, le nom de Victoire restera gravé dans ma mémoire avec les traits ineffaçables qu'il porte dans le cœur de tous les François.
     Je suis avec le plus profond respect,
                          Madame,
                            Votre très humble, très obéissant et très petit Serviteur
J. G. Wolfgang Mozart.

Noch sind es also andere Personen und Mächte, die das Schicksal von Amadé und Odysseus bestimmen, bald aber werden sie es selbst in die Hand nehmen ...


KV 6 Satz 1 und 2










3. Januar

Mozart KV 7 Sonate für Klavier und Violine

Odyssee 1, 80 - 113

Athene bittet, als sie von Zeus hört, Poseidon solle endlich mit der Verfolgung des Odysseus aufhören, den Götterboten Hermes nach Ogygia (Gozo) zu schicken, damit er der Nymphe Kalypso den Beschluss der Götter verkünde.

Sie selbst will nach Ithaka eilen und den Sohn des Odysseus, Telemach, ermuntern, gegen die Freier vorzugehen, und nach Sparta und Pylos zu reisen, um etwas über seinen verschollenen Vater zu erfahren.


In des Menthes Gestalt steht die Göttin vor dem Palast und muss das Prassen und Nichtstun der Freier mitansehen.

Ähnlich wie Athene die Freierschar, so empfindet der streng katholische Vater Leopold Mozart das Treiben in Paris, "wo man nicht einmal weiß, was ein Rosenkranz ist"; Amadé schreibt derweilen seine vier Violinsonaten KV 6 bis 9 nieder. Das Adagio der Sonate KV 7, kommentiert Mozart, sei von einem ganz beonderen goût.

KV 7







4. Januar

Mozart KV 12 und 13 Sonaten für Klavier und Violoncell

Odyssee 1, 114 - 143

Telechmach sitzt mit traurigem Herzen unter den Freiern, grübelnd: soll er sie vom Hof jagen? Als er den Fremdling erblickt, bittet er ihn herein und zu Tisch. Sie setzen sich abseits der lärmenden Freier, er will sie nach seinem Vater befragen. Diener bereiten ihnen das Essen.


Mozarts sind nach London weitergereist; fünf Tage nach ihrer Ankunft spielen Amadé und Nannerl vor dem jungen König Georg III. und seiner musikbegeisterten Gattin auf. Der Vater "gallopiert" herum, um überall zu reüssieren.
"Denn wegen ein paar Tausend Gulden bin ich nicht nach England gereist" - den unermüdlichen Kampf des Vaters um Anerkennung sollte der Sohn für Liebe halten. Diese Liebe nicht zu enttäuschen, erweist sich als größte Über- forderung, mit der Mozart zeit seines Lebens zu kämpfen  haben wird.

Unter der Obhut des Vaters komponiert er 1764 weitere Violinsonaten, die sich hören lassen können, wie KV 12 und  KV 13.

KV 12
KV 13 Satz 1
KV 13 Satz 2
KV 13 Satz 3



















5. Januar

Mozart KV 15a - r Londoner Skizzen

Odyssee 1, 144 - 177



Üppig schmausen die Freier in der Burg des Odysseus auf Ithaka - danach  zwingen sie den Sänger Phemios, zur Harfe zu singen.

Telemach beschwert sich über die Freier, ist pessimistisch, was den Vater betrifft, fragt den Fremdling, ob er schon einmal Gast im Hause war, woher er komme, wer er sei.

Wir bitten Amadé zu komponieren.

Leopold Mozart beschwert sich über das Londoner Wetter:
Es gibt hier eine Art Nationalkrankheit, die "Erkältung" genannt wird ... für Leute, die nicht sehr stark sind, lautet der
beste Rat, England zu verlassen und sofort wieder den Kanal zu überqueren. Es gibt zahlreiche Beispiele für jene, die sich nach diesem Wechsel des Landes sogleich besser fühlten.


Leopold selbst und seine zwei Wunderkinder siedeln lediglich in das idyllische Dorf Chelsea über.
Der achtjährige Amadé schreibt dort sieben Wochen ein Notizbuch mit Noten voll, danach komponiert er 1765 seine erste Symphonie.

Erik Smith hat seine Skzzen so zusammengefaßt:

"Die Begegnung mit dem Knaben Mozart außerhalb der sorgsamen Beaufsichtigung durch seinen Vater, der er sich, während dieser krank war, ganz offensichtlich entziehen konnte, ist eine erstaunliche Erfahrung...  die melodische Erfindung ist der der meisten seiner angesehenen Zeitgenossen bereits weit überlegen, die Form jedes Stückes ist überraschend gutgelungen, und vor allem stoßen wir auf einen Mozartschen Gefühlsausbruch, zumindest in dem g-moll-Divertimento (KV 15p - r), den wir in den vollendeten Schöpfungen jener Jahre vergeblich suchen. In diesem Zusammenhang sei an den Bericht erinnert, den Daines Barrington genau zu jener Zeit über Mozart verfaßte und in dem es über ein von dem Knaben über das Wort »Perfido« improvisiertes »Zornlied« heißt: »Mitten in dem Stück hatte er sich in eine solche Erregung hineingesteigert, daß er auf sein Cembalo wie ein Besessener einschlug und sich dabei manchmal sogar von seinem Stuhl erhob."

Wir sind still, hören staunend dem 8jährigen Genie zu.

KV 15

















6. Januar

Mozart KV 16 Sinfonie

Odyssee 1, 178 - 212

Athene erzählt ihre Story:
Er heiße Mentes und herrsche über die schiffahrtsliebenden Taphier, sei auch schon Gast des Hauses gewesen,
Laertes kenne ihn, aber der komme ja aus Kummer nicht mehr aus seinem Weinberg heraus und hierher, seit Odysseus verschollen ist. Odysseus lebe noch, werde aber von Wilden gefangengehalten.
Ob er denn Telemach, dessen Sohn sei, weil er ihm so ähnele.

Amadé trägt wie Telemach die Gene seines Vaters in sich.
Ebenso seine Schwester Nannerl, die aus Chelsea berichtet:
In London, wo unser Vater bis zum Tode krank lag, durften wir kein Klavier berühren. Um sich also zu beschäftigen,
komponierte Mozart seine erste Symfonie mit allen Instrumenten -  vornehmlich mit Trompeten und Pauken. Ich mußte sie, neben ihm sitzend, abschreiben. Indem er komponirte, und ich abschrieb, sagte er zu mir: 'Erinnere mich, daß ich dem Waldhorn was Rechts zu thun gebe!'

In Mozarts Sinfonien spiegeln sich die verschiedenen Phasen seine Lebens wieder, sie sind geprägt von seiner spontanen Persönlichkeit. KV 16, seine zweite Sinfonie (die erste ist verschollen), in Chelsea komponiert, läßt die Einflüsse Johann Christian Bachs und Abels erkennen, zwei ebenfalls in London ansässige Komponisten.



Der mystischen "Devise Mozarts" (C-D-F-E,  im Takt 7 bis 10 des Andante Hörner) begegnen wir nicht nur im Credo der Missa Brevis KV 186f, im Sanctus der Missa KV 257,  sondern auch im Schlussatz der Jupitersinfonie KV 551, seiner letzten Sinfonie, wieder!

Meister Johann Christian Bach, dem jüngsten Sohn Johann Sebastian Bachs, sitzt klein Amadé beim gemeinsamen Improvisieren auf dem Schoß. Er wird sein wichtigster Mentor. Dessen in Italien gebildeter Stil befruchtet Mozart nachhaltig, wird ihm immer in Ohren bleiben.  Im 2. Satz Klavierkonzert A-Dur (KV 414)  errichtet er ihm ein Denkmal, er verwendet als Thema die vier Anfangstakte einer Ouvertüre von Bach.

Die Unvergänglichkeit Amadés zeigt uns die Mozartband mit Dalla Prima der CD Volcano Allegre,  so muss das Presto der Sinfonie KV 16 von Anfang 1764 klingen! Mitpfeifen! -->

   














7. Januar

Mozart KV 19 Sinfonia

Odyssee 1, 213 - 251

Athene alias Mentes fragt Telemach, warum die Gäste mit so unbändiger Frechheit im Saale schwärmten, ob hier in dem Gewühl ein Gastmahl oder eine Hochzeit stattfinde.
Sein Vater Odysseus, mutmaßt Telemach, sei ein Raub der Sturmesgöttinnen und er selbst ein Raub der Freier geworden. Alle Fürsten Ithakas und der umliegenden Inseln würden um seine Mutter werben. Sie könne die aufgedrungene Vermählung weder ausschlagen noch vollziehen; deshalb verprassten die Schwelger all sein Gut.



Telemach wie Amadé stehen vor neuen Aufgaben.
Mozarts sind von wieder auf dem Kontinent.
Kirchen-, Hof- und Hauskonzerte stehen in Dünkirchen, Lille, Genf, Antwerpen, Rotterdam, Den Haag, Amsterdam, Utrecht und Brüssel auf der Tagesordnung - ein Tourneeprogramm, das die Kräfte aller Beteiligten bis aufs äußerste strapaziert. Der Spaß am Reisen weicht für die Kinder spürbar dem Streß der Verpflichtung, als Wunderkinder zu funktionieren. Ein ehemals lustvolles Abenteuer artet aus in zwanghafte Belustigung.
Amadé schreibt 1765 die erste der drei "holländischen Sinfonien", KV 19. Ihr ist Mozarts Stress ebensowenig anzumerken wie Telemach: begleitet von seinen Hunden geht er souverän vor dem staunenden Volk zu seines Vaters Platz. Ob er dabei das Andante der Sinfonia vorausahnte?















8. Januar

Mozart KV 19d Sonate für Klavier zu vier Händen

Odyssee 1, 252 - 305

Mentes alias Athene beschwört den Moment, wenn Odysseus in der Tür steht und die Freier bestraft, der Zeitpunkt aber hänge allein von den Göttern ab. Er/sie ermahnt Telemach, eine Versammlung einzuberufen, die Freier fortzujagen. Falls die Mutter eine zweite Vermählung wünsche, dann solle sie die haben. Telemach möge nach Pylos und Sparta fahren, um sich bei Nestor und Menelaos nach seinem Vater zu erkundigen. Er solle auch, alt genug sei er, über die Beseitigung der Freier nachdenken, sich an Orestes ein Bespiel nehmen, der Ägisthos umgebracht habe.
Telemach muss selbständig werden, Amadé auch.



Er ist 9, als er die vierhändige Sonate in C komponiert und am 13. Mai 1765, begleitet von Nannerl, in Hickford's Great Room in London,  Brewer Street aufführt, denn für das Geschwisterpaar stehen fremde Kompositionen nicht zur Verfügung; ein noch stark vom Vater und Johann Christian Bach beeinflusstes Werk, aber Mozarts Eigenständigkeit wächst - wie bei Telemach.


Drei Akkordschläge und eine galant dahinschlendernde Fortsetzung eröffnen den ersten Satz. Das Menuett ist von berückendem Charme, und im Final-Rondo kommt überraschend ein Adagio (Athene alias Mentes schwärmt von Odysseus), bevor es mit dem Thema schließt.


KV 19d 1. Satz
KV 19d 2. Satz
KV 19d 3. Satz















9. Januar

Mozart KV 22 Sinfonie Nr. 5 B-Dur

Odyssee 1, 306 - 334

Athene läßt sich von Telemach nicht aufhalten, fliegt als Vogel davon.
Als Phemion vor der still gewordenen Freierschar von der traurigen Heimfahrt der Griechen von Troja singt, hört Penelope das und steigt aus ihren Gemächern hinunter.

Zwei Jahre vor seiner 1765 in Den Haag komponierten dreisätzigen Sinfonie in B-dur hat Amadé die "Mannheimer Walze" kennengelernt.  Gleich nach dem Hauptthema enthält der Allegro-Kopfsatz das typische Beispiel dieser flächigen dynamischen Steigerung. Zwei kontrastreiche Sätze folgen: Das melancholisch gefärbte g-Moll des Andante, dann das ausgelassene Rondo-Finale im Kehraus-Stil (Molto allegro).
Mozart arbeitet (wie Telemach an seiner Selbstfindung) hart an seiner  Karriere, angeschoben von seinem Vater Leopold (wie Telemach von Athene), verehrt von den Fürstenhöfen in ganz Europa, die das sagenhafte Wunderkind am liebsten live erleben, das zudem unablässig Orchesterwerke und Kammermusik, Stücke zum Zeitvertreib und solche zur höfischen Unterhaltung schreibt. 


KV 22 Satz 2: Andante
KV 22 Satz 3: Molto allegro


Sir Neville Marriner






























10. Januar

Mozart KV 23 Arie für Sopran "Conservati fedele" 

Odyssee 1, 335 - 364

Penelope bittet den Sänger Phemios aufzuhören mit diesem traurigen Lied, es zerreiße ihr das Herz in der Brust.
Telemach schickt seine Mutter wieder nach oben zu ihrer Weberei - er sei Herr im Hause. Nicht der Sänger sei schuld an dem Leid, sondern Zeus, der den Menschen ihr Schicksal nach Gutdünken beschere. Und im übrigen sei immer das neueste Lied das beste.
Penelope, erstaunt, verschwindet in ihren Gemächern, trauert um ihren Odysseus, singt

Bewahre die Treue;
denke daran, daß ich zurückbleibe und leide,

und manchmal wenigstens
erinnere dich an mich.

Denn ich werde durch die Macht der Liebe,
indem ich mit meinem Herzen spreche,
mit dir im Gespräche sein.

und wird vom Schlaf übermannt.

Während Phemios von der Griechen Heimkehr singt, läßt Amadé Artaserse singen:

"Conservati fedele;
Pensa ch'io resto, e peno,
E qualche volta almeno
Ricordati di me.

Ch'io per virtù d'amore,
Parlando col mio core,
Ragionerò con te."
Caroline von Oranien-Nassau-Diez

Vermutlich hat Mozart die 1765 nach dem Libretto Metastasios komponierte Arie 1766 für die Prinzessin Caroline von Oranien-Nassau-Diez, seine große Bewunderin, überarbeitet ...
Erstaunlich und unvergleichlich sind Spannweite und Dimension der Empfindung und des musikalischen Formungsreichtums, die Mozart in seinen rund 50 Konzertarien, diesen »Gelegenheitswerken« vielfach höchsten Ranges, zu Gebote stehen. Schon in den frühesten Stücken setzt sich mit der Aneignung der Tradition unüberhörbar und bezwingend der eigene, ein ganz und gar origineller Ton durch, eine tektonisch disponierende Phantasie, die dem Vorgefundenen neuen Sinn eingibt. Die schlichte, empfindsame Arie »Conservati fedele« ist dem Typus der »Aria cantabile« zuzurechnen. Man vergegenwärtige sich, wie Beseelung die musikalische Substanz ergreift.

Am 1. August 1765 um zehn hat das Schiff mit Familie Mozart in Dover abgelegt; auf Drängen des niederländischen Gesandten hat sich Leopold Mozart entschlossen, den Weg über Holland zu nehmen, die finanziellen Aussichten waren so gut.
Amadés Schwester Nannerl erkrankt am Bauchtyphus, steckt ihn an und beide entkommen nur knapp dem Sterben.


KV 23



















11. Januar

Mozart KV 25 Sieben Variationen für Klavier über "Willem van Nassau"

Odyssee 1, 365 - 398

Die Freier lärmen im Saal, ein jeder von ihnen wäre gern an Penelopes Seite.
Telemach fordert Ruhe, man solle dem himmlischen Gesange lauschen.
Zum Tagesanbruch des nächsten Tags beruft er eine Versammlung ein, Thema: Heimkehr aller Freier.
Wenn ihr es so bequemer und lieblicher findet,
Eines Mannes Hab' ohn' alle Vergeltung zu fressen,
Schlingt sie hinab! Ich will anflehn die ewigen Götter,
Ob euch nicht endlich einmal Zeus eure Taten bezahle,
Daß ihr in unserm Haus auch ohne Vergeltung dahinstürzt!

Antinoos fleht Zeus an, dass Telemach nie die Herrschaft des Eilandes übernehmen solle.
Telemach darauf: Hier in diesem Hause bleibe er in jedem Fall der Herr, auf Ithaka gebe es genug andere Fürsten. Er selbst nähme die Herrschaft aber auch an, weil es nicht übel sei, zu herrschen. Sein Haus fülle sich mit Schätzen und er steige im Ansehen.

Wilhelm V. Batavus Prinz von Oranien

Auch Mozart gewinnt zusehends an Ruhm.
Die acht Klaviervariationen KV 24 und die sieben von KV 25 spielt der zehnjährige Amadé (der Vater gibt ihn als Neunjährigen aus) am 11. März 1766 im holländischen Den Haag zur Feier der Volljährigkeit des oranischen Prinzen Willem V. KV 25 variiert die holländische Nationalhymne »Willem van Nassau«. (Das Thema lässt Mozart übrigens auch am Ende des zur gleichen Zeit geschriebenen Orchesterstückes »Gallimathias musicum« KV 32 fugiert erklingen).
Die Huldigungszyklen gehen in die Musikgeschichte als »Graaf«-bzw. »Wilhelmus-Variationen«, gelegentlich auch als »Holland-Variationen« ein. Vater Leopold Mozart charakterisiert sie in einem Brief trocken als »Kleinigkeiten, in der Geschwindigkeit hingeschrieben«. Das Wunderkind variiert die Themen nach bewährten Figurationsmustern. Es sind saubere rationale Stilübungen, die von der Frische der Themen ihr Leben empfangen.


Willem V. war nach dem Tod seines Vaters unter der Vormundschaft des Herzogs  Ludwig Ernst von Braunschweig, Statthalter der Niederlande gestanden. Auch nach seiner Volljährigkeit 1766 überlässt Wilhelm die Leitung der Staatsgeschäfte dem Herzog von Braunschweig. 1767 heiratet Willem in Berlin Wilhelmine von Preußen, die Tochter des Pinzen von Preußen Ausgust Wilhelm. Nachdem diese mit preußischer Hilfe 1787 die Macht der Patrioten in Holland gebrochen hat, wird der unfähige Willem 1795 von den Franzosen vertrieben und flüchtet nach England.

KV 25


















12. Januar

Mozart KV 27 Sonate für Violine und Klavier

Odyssee 1, 399 - Ende

Eurymachos, einer aus der Schar der Freier und Sohn des Polybos, erkundigt sich scheinheilig nach dem Unbekannten, der so schnell wieder verschwunden sei.
Nach der Antwort wird Telemach klar, dass es in Wirklichkeit Athene gewesen ist.

Die Freier feiern weiter. Telemach geht schlafen, von seiner ihm seit Kindesbeinen treuen Magd Eurykleia umsorgt;  Laertes, sein Großvater, hat sie einst zusammen mit dem Gut als blühendes Mädchen für 20 Rinder erworben.
Amadés Musik wiegt Telemach in den Schlaf - er überdenkt die Reise, zu der ihm Athene geraten.



Leopold Mozart ist mit seinen Kindern noch auf Reisen.
Mozarts zweisätzige Sonate KV 27 in G-Dur entsteht im Februar 1766 in den Niederlanden. Amadé reift - wie Telemach. Im Vergleich zu den wenige Jahre zuvor entstandenen Sonaten für Violine und Klavier nähert sich der Aufbau des Werkes allmählich einer gleichberechtigten Arbeitsteilung der Instrumente.


13. Januar

Mozart KV 28 Sonate für Klavier und Violine

Odyssee 2, 1 - 34

Volksversammlung am Morgen in Ithaka.
Der weise Ägyptios - einen seiner Söhne, Antiphos,  hat Polyphem gefressen, sein zweiter Sohn Eurynomos ist unter den Freiern und seine zwei anderen Söhne bewirtschaften sein Gut - eröffnet die Versammlung, die erste, die stattfindet, seit Odysseus in See stach.
Ägyptios will wissen, wer die Versammlung zu welchem Zweck einberief.
Telemach muss sich nun - wie Mozart - als brillanter Solist erweisen ...


Die ganze Reihe dieser "Kindheitssonaten" (KV 26 bis 31: »Holländische Sonaten« 1766 im Haag) weist die für galanten Modestil typische Kurzmotivik auf und hat einen erhöhten Motiv- und Themenverbrauch zur Folge. Dennoch sind die facettenreichen, mosaikartigen Werke mit ihren häufigen Stimmungsumschlägen ins Moll und ihrem Kontrastreichtum von bestrickender Wirkung.
Hermann Abert, Mozarts großer Biograph: »Im ganzen zeigt sich der kleine Mozart bereits hier als der vollendetste Kavalier, der sich in der vornehmen Gesellschaft auch musikalisch mit Sicherheit zu bewegen weiß, schwungvoll, ritterlich, voll sprühenden Jugendmutes.«


14. Januar

Mozart KV 31 Sonate für Klavier und Violine B-dur

Odyssee 2, 35 - 83

Telemach tritt vor, Herold Peisänor reicht ihm das Zepter. Telemach hält seine Ansprache, schildert seine zweifache Not:
Zuerst habe er seinen Vater Odysseus, König von Ithaka, verloren und nun werde sein Haus und sein Vermögen durch die Freierschar ruiniert. Sie umdrängen seine Mutter mit ungestümer Umwerbung.  Sie schlachten Rinder, Schafe, gemästete Ziegen für den üppigen Schmaus, schwelgen im funkelnden Wein. Telemach fleht bei Zeus und Themis: Haltet ein!
Wirft theatralisch das Zepter hin, weint, und rührt die ganze Versammlung zum Mitleid.


Rührt uns Amadés Musik nicht ebenso?
Gewidmet ist die Sonate KV 31 von 1766, im Haag, der Prinzessin Karoline von Nassau-Weilburg, der älteren Schwester Wilhelm V. (vgl. 10. und 11. Januar). 
Bündig in ihrer Struktur, enthält sie zahllose Passagen der Imitation zwischen beiden Instrumenten. Zu keinem Zeitpunkt aber übernimmt das Klavier eine reine Begleiterrolle, nicht einmal in den Variationen zum Abschluß. Bemerkenswert auch, wie Mozart die Tendenz zu erweiterten lyrischen Themen entwickelt.


15. Januar

Mozart KV 32 Galimathias musicum (Quodlibet)

Odyssee 2, 84 - 128

Als einziger in der Versammlung hält Antinoos dagegen:
Er gibt alle Schuld Penelope, Telemachs Mutter. Sie halte die Freier bald vier Jahre hin, habe versprochen, wenn sie den Mantel fertig gewebt, werde sie einem der Freier das Ja-Wort geben. Eine ihrer Mägde habe Penelopes Betrug offenbart, nachts habe sie das, was sie am Tag gewebt, wieder aufgetrennt. Telemach solle seine Mutter zu Ikarios ihren Vater schicken, um einen der Freier zu wählen. Antinoos droht an, eher würden die Freier nicht weichen.


Hendrik Hooft 

In den Niederlanden herrschen ähnliche Spannungen wie auf Ithaka.
Nach dem Tod seines Vaters 1751 steht Wilhelm V. seit 1759 unter der Vormundschaft des Herzogs Ludwig Ernst von Braunschweig, gegen den die Patriotenbewegung unter Leitung von Joan Derk van der Capellen tot den Pol, Hendrik Hooft und Jan Bernd Bicker heftig opponiert. Hendrik Hooft, reicher Kaufmann und Amsterdams Bürgermeister, erfährt in der vorwiegend jungen, republikanisch gesinnten Bevölkerung großen Zuspruch. Ihr Bestreben richtet sich gegen den vermehrt monarchischen Machtanspruch des Hauses Oranien-Nassau, die Patrioten wollen die Wiedereinführung einer starken republikanischen Regierung.

Komponiert hat Mozart das Quodlibet als amüsante Festmusik zur Feier der Installation Whilhelms V. (siehe 11. Januar) zum Erbstatthalter der Niederlande im März 1766 im Haag. »Verworrenes Zeug reden« bedeutet das aus der Mode gekommene Sprichwort »Galimathias reden«. Die disparaten Einzelsätze knüpft Amadé zu einer vorgeblichen Einheit zusammen, mit den üblichen Gattungsbezeichnungen ist sie nicht zu fassen.
Dass es Mozart hier um einen musikalischen Spaß geht, direkt und süddeutsch derb, beweist sich an allen Ecken und Enden. Schon die unterschiedlichen, eine zyklische Abrundung verhindernde Tonarten der ersten (D-dur) und letzten (F-dur) Nummer sind symptomatisch.



Aber auch naiv-plakativ gesetzte musikalische Scherze, wie die orientalisch anmutenden Dissonanzen der Melodiestimme im Quintenbaß (Nr. 4), der harte Abbruch der Schlußkadenz im Übergang von Nummer 5 zu Nummer 6, der im vierstimmigem Chorsatz blödelnd malträtierte »Vanitas«-Gedanke (»Eitelkeit! Eitelkeit! ewig's Verderben! wenn all's versoffen ist, gibts nichts zu erben«)


oder der mehr als bescheidene, etüdenhafte Cembalosatz von Nummer 13 und einige Anleihen beim Volkslied Eahna achte müassens sein (acht Sauschneider!) oder beim Schuhplattler (Nr. 5) deuten auf den nicht allzu tiefsinnigen Charakter hin, aber immerhin gibt es auch eine Schlussfuge: Sie verwendet die holländische Nationalhymne Willem von Nassau. 

„Galimathias“ (franz. Ungereimtes, Unsinn) = Nonsens-Couplets im Alt-Wiener Volkstheater















16. Januar

Mozart KV 33 Kyrie
             KV 34 Offertorium in Festo S. Benedicti "Scande Coeli limina"

Odyssee 2, 129 - 176

Telemach erwidert in der Versammlung auf dem Marktplatz in Ithaka: Niemals werde er seine  Mutter Penelope aus ihrem Hause verjagen. Erfleht dann die Gnade der Götter, ob Zeus nicht endlich den Freiern Einhalt gebieten könne ...

Und Zeus erhört sein Bitten ...

Der allmächtige Gott schickt ein Adlerpaar, das über dem lärmenden Markt der Insel einschwebt, die Vögel zerhacken sich in der Luft Wangen und Hals mit den Klauen, wenden sich nach rechts, stürmen über die Stadt hin ...

Die Menge erstarrt.

Alitherses, des Mastors Sohn - er hatte geweissagt, Odysseus werde nach 20 Jahren heimkehren -  ergreift das Wort:

Höret mich jetzt, ihr Männer von Ithaka, was ich euch sage!
Aber vor allen gilt den Freiern meine Verkündung!
Ihre Häupter umschwebt ein schreckenvolles Verhängnis!
Denn nicht lange mehr weilt Odysseus fern von den Seinen;
Sondern er nahet sich schon und bereitet Tod und Verderben     
Diesen allen; auch droht noch vielen anderen Unheil,
Die wir Ithakas Hügel bewohnen. Lasset uns also
Sinnen auf Rat, wie wir sie mäßigen; oder sie selber
Mäßigen sich, und gleich! zu ihrer eigenen Wohlfahrt!
Euch weissagt kein Neuling, ich red' aus alter Erfahrung!
Wahrlich, das alles geht in Erfüllung, was ich ihm damals
Deutete, als die Argeier in hohlen Schiffen gen Troja
Fuhren ...





Herr erbarme Dich - das Kyrie eleison Amadés (KV 33) wäre die einzig angemessene  Antwort der Menge Ithakas auf die Zeichen des Himmels gewesen -  am 12. Juni 1766 hat Mozart es in Paris komponiert. Im Winter desselben Jahrs schreibt er auf der Rückreise von Paris nach Salzburg sein Offertorium KV 34 auf den unliturgischen Text eines Bene-diktinermönchs, Dank eines 10jährigen genialen Wunderkinds an den Abt des Kosters Seeon, Gastgeber der Mozart-Familie.





















I. Aria
Scande coeli limina,
anima sanctissima,
per lampadum luces,
quos superi duces
itineris obviam dant.

Sed quaeso?
Quid nati?
Qui iacti amore,
afflicti dolore,
hic orphani stant.



II. Coro
Cara o pignora,
protegam vos,
coeli ul patria
societ nos.

I. Aria
Steige empor zu den Pforten des Himmels,
allerheiligste Seele,
durch der Fackeln Schein,
die die himmlischen Weggefährten
dir entgegenstrecken.


Indes frage ich:
Was sind das für Kinder?
Um die Liebe betrogen,
mit Kummer geschlagen,
stehen hier Waisen.


II. Coro
O ihr Unterpfänder der Liebe,
ich will euch beschützen.
Auf daß die himmlische Heimat
uns vereine.


KV 33 




17. Januar

Mozart KV 35 Die Schuldigkeit des ersten Gebots

Odyssee 2, 177 - 207

In der Volksversammlung auf Ithaka geht es hoch her:
Eurymachos verspottet Alitherses, er solle nach Hause gehen und seinen Kindern das Schicksal deuten. Die Adler sonnten sich, aber würden kein Schicksal verkünden, Odysseus sei in der Ferne verstorben, Telemach solle mit seiner Mutter Penelope zu ihrem Vater gehen und die Hochzeit ausrichten für einen der Freier.
Bis sich Penelope entschieden habe, würden die Freier weiter feiern, davon bringe sie niemand ab, auch keine bösen Vorzeichen am Himmel.



Wie bei der Diskussion auf Ithaka geht es im Oratorium des 11 Jahre alten Amadé um eine Moralpredigt im Sinne der Vernunft. Der laue Christ steht zwischen den Verlockungen des Weltgeistes und den Ermahnungen der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und des Christgeistes, allegorischen Personifikationen.
Der unfreiwillige Heiterkeitserfolg, den die moralisierenden Rezitative heute hervorrufen, erschwert die Wiederbelebung des Stücks in der Konzertpraxis; was bleibt, ist die Bewunderung der Frühreife und Könnerschaft des kindlichen Genies.

Dass am 12. März 1767 ein Oratorium des zehnjährigen Wolfgang Mozart (Mozart war 11!) ganz hervorragend geklungen habe, belegt das Protokoll des Salzburger Universitätsgymnasiums - Titel:
Die Schuldigkeit des ersten Gebots: Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben von ganzem Deinen Herzen, von Deiner ganzen Seel, von Deinem Gemüth, und aus allen Deinen Kräften. In drey Theilen zur Erwegung vorgestellt von J.A.W.

Fünf Solisten: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Weltgeist als Sopran, Christgeist und Christ als Tenor. Ochester mit den üblichen Streichern sowie  Oboen, Fagotten und Hörnern, an zwei Stellen Altposaune.
Die vollständige Aufführung der drei Teile dauert mehrere Stunden.
Ein ergrimmter Löwe brüllet malt in Fagotten und  Hörnern die Schrecken des ergrimmten Raubtiers. Ein anschließender zweiter Teil schildert die Idylle des schlafenden, seiner Gefahr nicht achtenden Jägers. Das Kontrastpaar wird wiederholt, die Arie ist also vierteilig angelegt usw. usw. Secco   und   Accompagnato wechseln ständig erregt, und wenn die Stimme des Gerichts ertönt, bricht drohend die Altposaune ein. 
Weltgeist lässt nicht locker. Bis zum hohen D klettert er, um die Grämlichkeit dessen, der die Freuden der Welt verachtet, flott und fast ironisch darzustellen.
















18. Januar

Mozart KV 37 Konzert für Klavier

Odyssee 2, 208 - 256

Telemach verkündet der Versammlung in Ithaka seinen Entschluss, nach Sparta und Pylos zu segeln, nach seinem Vater zu forschen. Falls dieser lebe, werde er noch ein Jahr zuwarten. Andernfalls werde er seiner Mutter einen Mann geben.
Mentor ergreift das Wort, tadelt die Freier und die anderen, die deren Treiben tatenslos zusehen. 
Leiokritos, ein Freier warnt, sich nicht mit ihnen anzulegen, selbst wenn Odysseus zurückkäme, könne er sie in dieser Überzahl nicht besiegen, er hoffe aber, Odysseus kehre nie zurück.
Telemach wird, wie Amadé, auf seinen Reisen wichtige Erfahrungen machen ...




Die Klavierkonzerte der Wiener Zeit sind von unglaublicher Meisterschaft und Ausdruckskraft, Krönung und Gipfel eines instrumentalen Schaffens, für jeden Hörer unerschöpfliche Quelle emotionellen und intellektuellen Vergnügens. Das alles ist nicht vom Himmel gefallen, auch bei Amadeus nicht, er hat es vorbereitet in einer mehr als zehnjährigen Beschäftigung mit der Gattung.
Die Konzerte KV 37, 39 bis 41 hat man lange für des Genies Originalwerke gehalten. Alle ihre Themen stammen aber von anderen Komponisten, sind Früchte der langen Reise nach England, Frankreich, Holland, wo der kleine Amadé bekannten Klavieristen wie Johann Christian Bach begegnet. Bei KV 37 stehen Raupach, Honauer und Schobert Pate. Dieses sogenannte "Pasticcio-Konzert" entsteht 1767 in Salzburg, der elfjährige Komponist übt sich im Arrangieren und Orchestrieren solistischer Werke...

19. Januar

Mozart KV 38 Apollo et Hyacinthus seu Hyacinthi Metamorphosis

Odysse 2, 257 - 295

Die Volksversammlung in Ithaka löst sich auf, die Freier gehen zurück zum Haus des Odysseus, Telemach betet am Strand, verzagt. Ihm erscheint Göttin Athene in Mentors Gestalt. Zwar seien die wenigsten Kinder so tüchtig wie ihre Väter, aber er solle allen seinen Mut zusammennehmen, sein Ziel zu erreichen. Die Freier werde ihr Schicksal ereilen, er selbst, so Mentor/Athene, werde ihm das Schiff rüsten, ihn auf der Reise begleiten und Freiwillige suchen als Ruderer.
Eine wunderbare Blume wächst aus des Hyazinthos Grab, im Schmerz über den Tod des Knaben  lässt Apollo sie sprießen ...


Amadé bewegt sich im Mythen-Kreis von Hellas, wo die Göttin Athene Telemach ermutigt, endlich sein Schicksal selbst zu bestimmen.
Benediktiner-Pater Rufinus, alias Philosophieprofessor Widl verfasst zur traditionellen Aufführung am Schulende des Universitätsgymnasiums in Salzburg das Theaterstück Clementia Croesi - auf Lateinisch versteht sich. Die hierzu in Inhalt und Aufbau sinnvolle Ergänzung ist die ebenfalls vom Pater verfasste Comedie Apollo et Hyacinthus, die von der Liebe des Apollo zu dem schönen Jüngling Hycinthos handelt, den der Gott im Spiel unabsichtlich tötet.
Das heikle Thema der Knabenliebe vermeidet der Pater, er führt einfach zwei weitere Personen ein: als Vater des Hyacinthus den Oebalus und als Schwester des Knaben die Melia, die nun Gegenstand der Liebe Apollos wird.

Der elfjährige Amadé, der zwischen zwei langen Tourneen - 4 Jahre England, Frankreich, Holland und bald über ein Jahr Wien - in Salzburg an seiner Fortbildung im Kontrapunkt und Komponieren von Anfang Dezember bis April arbeitet (Die Schuldigkeit des ersten Gebots und eine wunderbare Grabmusik entstehen) soll die lateinische Komödie vertonen.
Das kindliche Musikgenie erfüllt den Auftrag meisterlich. Das Duett (Nr. 8 Natus cadit) ist eines jener unerklärlichen Wunder mozartscher Musik, die noch 200 Jahre später ins Erstaunen versetzt.

KV 38: Prologus
KV 38: 1. Chrous "Numen o Latonium!"
KV 38: 2. Aria "Saepe terrent Numina"
KV 38: 4. Aria "Laetari"
KV 38: 6. Duetto "Discede crudelis!"
KV 38: 8. Duetto "Natus cadit"
KV 38: 9. Terzetto "Tandem post turbida"

Nr. 1
CHORUS
Numen o Latonium!
Audi vota supplicum,
qui ter digno
Te honore
certant sancte colere:
hos benigno Tu favore

subditos prosequere.
OEBALUS
O Apollo, creditam
tibi semper protege

CHOR
Gottheit aus Latonas Schoß!
Hör' der Flehenden Gebet,
dreifach würdig du der Ehre,
die sie dir wetteifernd weihn:
deine Güte, deine Huld
folge ihnen immerdar.

OEBALUS
O Apoll, schütze
stets und würdige
deines Lichtes
mein Land Lakonien.

CHOR
Gottheit aus Latonas Schoß! usw.
et dignare lumine
Oebali Laconiam.

CHORUS
Numen o Latonium, etc.


Nr. 2
HYACINTHUS
Saepe terrent Numina,
surgunt et minantur,
fingunt bella,
quae nos angunt,
mittunt tela,
quae non tangunt;
at post ficta nubila
rident et iocantur.

Et amore
et tremore
gentes stringunt subditas;
nunc amando,
nunc minando
salva stat auctoritas.

Saepe terrent, etc.
HYAZINTH
Oft schrecken die Götter,
stehen auf und drohen,
täuschen Krieg vor,
der uns ängstigt,
schleudern Pfeile, die nicht treffen;
aber nach gespieltem Wetter
lachen sie und scherzen wieder.


Wie durch Huld,
so auch durch Schrecken
binden sie an sich die Völker:

jetzt auf Liebe,
jetzt auf Strenge
ruhet ihre Herrlichkeit

Oft schrecken die Götter, usw

Nr. 4
MELIA
Laetari, iocari
fruique divinis honoribus stat,
dum Hymen optimus
taedis et floribus
grata beata
conubia iungit et gaudia dat.
lam diva vocabor,
si Numen amabo;
per astra vagabor
et nubes calcabo:
et urbes, et regna devoveant se,
et Fauni adorent et Satyri me.
Laetari, iocari, etc
MELIA
Lust und Scherzen und göttlicher Ehren
Genuß erwartet mich,
wenn Hymen, der treffliche,
mit Fackeln und Kränzen
das beglückende Eheband
knüpft und Freuden schenkt.

Schon werd' ich Göttin heißen,
wenn ich den Gott liebe;
durch Sterne werd' ich schweifen,
auf Wolken treten:
und Städte und Reiche
werden mich verehren,
Faune und Satyrn mich anbeten.

Lust und Scherzen und göttlicher Ehren


Nr. 6
MELIA
Discede crudelis!
gaudebo, tyrannus si deserit me!
Vah! insolentem,
qui violat iura!
Discede! discede! nam metuo te.

APOLLO
Est, crede! fidelis,
est mitis Apollo, qui deperit te.
Quid? innocentem
sie abicis dura!
sie perdis amicum, si reicis me.

Quem coeli premunt inopem,
an terris agat exsulem?
Manebo!
Quousque resederit dira,


MELIA
Entweiche, du Böser! Mich freut's,
wenn der Tyrann mich verläßt!
Pah! Du Frecher,
der das Recht bricht!
Entweiche! Entweiche,
denn ich fürchte mich vor dir!

APOLLO
O glaube doch, treu ist und milde
Apollo, voll Liebe zu dir.
Einen Schuldlosen,
Harte, verwirfst du!
Einen Freund verlierst du,
wenn du mich verschmähst.

Soll ich, hilflos gegen des Himmels Groll,
auch auf Erden den Verbannten spielen?
Ich will bleiben!
Bis der Zorn, der das Herz verwundet,
der grimmige, sich gelegt hat,
verberg ich mich.

MELIA
Entweiche, usw.


Nr.  8
OEBALUS
Natus cadit,
atque Deus
me nolente,
nesciente
laesus abit.
Regnum sine Numine
iam non diu stabit:
Numen! quaeso, flectere,
et ad nos revertere!

MELIA
Frater cadit,
atque meus
te iubente,
me dolente
sponsus abit.
Sponsa sine complice
quaeso, quid amabit?
Noli sponsam plectere!

Numen! ah regredere.OEBALUS
Der Sohn tot, der Gott,
ohne daß ich es will,
ohne daß ich es weiß,
beleidigt, verläßt uns.
Ohne Gottes Schutz
wird das Reich nicht lang bestehen:
o Gott, ich flehe,
laß dich umstimmen,
kehre zu uns zurück!


MELIA
Der Bruder tot,
auf dein Geheiß,
zu meinem Schmerz
verläßt mich der Verlobte.
Braut ohne Bräutigam,
ich bitte dich,
wen soll sie lieben?
Strafe nicht die Geliebte!
Gottheit, ach, kehre zurück!


Nr. 9
APOLLO
Tandem post turbida
fulmina, nubila,
tonantis murmura
pax alma virescit
et explicat se.

MELIA
Post vincla doloris
nos iungit amabile pignus amoris.
Post fata beata
nos taeda coronat et erigat te.

OEBALUS
Post bella furoris
vos iungit amabile pignus amoris.
Post fata optata
vos taeda coronat et excitat me.

APOLLO
Post monstra pavoris
nos iungit amabile pignus amoris.
Post fata sperata
nos taeda Coronet et erigat te.

APOLLO
Endlich nach stürmischen
Wettern und Blitzen,
Grollen des Donners
Grünt uns der Friede
Und tut sich auf.

MELIA
Nach schneidenden Schmerzen
vereint uns der Liebe entzückender Bund.
Nach glücklicher Fügung
kröne uns die Ehe und richte dich auf.

OEBALUS
Nach wütenden Kämpfen
vereint euch der Liebe entzückender Bund.
Nach erwünschter Fügung
krönt euch die Ehe und richtet mich auf.

APOLLO
Nach Schreckens Gespenstern
vereint uns der Liebe entzückender Bund.
Nach erwünschter Fügung
kröne uns die Ehe und richte dich auf.