Dienstag, 3. Januar 2012

28. Juni

Mozart KV 384 Die Entführung aus dem Serail

Odyssee 12, 294 - 324

Der Bericht von Odysseus über den Landgang in Sizilien geht weiter:
Einen ganzen Monat tobte Sturm aus Süd und Ost, an Weiterfahrt war nicht zu denken. Der Vorrat ging zur Neige, sie fingen Fische und jagten Vögel. Odysseus wanderte landeinwärts, an einer windstillen Stelle betete er zu den Göttern, sie mögen ihm doch den Heimweg weisen, dann schlief er ein.

Eurylochos aber hetzte die Gefährten auf und sprach:

"Hört mein Wort jetzt an, ihr meine Genossen im Unglück!
Wohl ist jeglicher Tod den armen Sterblichen furchtbar,
Doch ist Hungers sterben das jämmerlichste Verhängnis.
Auf denn, und treibt die besten von Helios' Rindern zum Opfer
Für die Unsterblichen her, die den weiten Himmel bewohnen.

Kommen wir einst zurück in Ithakas heimische Fluren, 
Lasst uns Helios ohne Verzug einen stattlichen Tempel
Baun und darein ihm geben viel und herrliche Gaben,
Doch beschließt er im Zorn um die hochgehörneten Rinder,
Uns zu verderben im Schiff, und ihm willfahren die Götter,

Lieber mit einmal schluck' ich die Flut und lasse das Leben,
Als langsam zu verschmachten dahier auf einsamer Insel"




Hatte Mozart auch zwischen Verhungern und Ertrinken zu wählen?
Im Hause Thun - die Gräfin ist eine Gönnerin Amadés - treffen sich Hofbeamte, Amateure, Kunstliebhaber. Unter ihnen der Musiksammler van Swieten sowie Graf Orsini-Rosenberg - Mozart hat ihn in Florenz als Staatsminister von Maria Theresia kennen gelernt. Jetzt ist er Intendant des Hoftheaters und hat über Wohl und Wehe des Wiener Opernbetriebes zu entscheiden. Nch seiner Intervention beim Kaiser erhält Amadé endlich den Auftrag für ein Singspiel.  Am 12. Juli 1782 wird nach einiger Verzögerung am k. u. k. National-Hoftheater Die Entführung aus dem Serail aufgeführt.

Ist die Entführung mit Mozarts biografischer Situation (Heiratspläne mit Constanze Weber und dem daraus resultierenden Zerwürfnis mit seinem Vater) verknüpft? 

Wo sich der Librettist Stephanie noch auf die allegorische Überbedeutung der Bühnenhandlung von Gut und Böse beschränkt, interessieren Amadé die handelnden Figuren als Menschen. Er,  auf seinen Reisen in stets neuen Situationen, hat Verständnis für die Not der vier Europäer, die es an einen fremden Ort im Nahen Orient verschlagen hat. Hier, wo andere Sitten herrschen, stellen sie ihre eigenen in Frage, Mozart lässt sie ihre Empfindungen stets neu überprüfen. Dank der Einsicht des Bassa kommen sie mit heiler Haut, aber verwundeten Herzen davon.



Mozart haucht den anämischen Theaterfiguren blutvolles Leben ein. Wenn Constanzes Kummer nicht ruhen kann, so bringt ihn Amadé mit Sechzehntelbewegungen in den Bratschen, synkopenhaften Brechungen in den Violinen und aufbegehrenden Koloraturen in Bewegung. Mozart sprengt die Grenzen der Gattung Singspiel durch eine von Schauspielern nicht mehr zu bewältigende Virtuosität in den Gesangspartien und eine komplexe Tiefenstruktur der musikalisch-dramaturgischen Anlage. Constanzes Arie Traurigkeit ward mir zum Lose in der von Mozart für seelische Notlagen reservierten Tonart g-Moll gemahnt mehr an die Opera seria als an das Singspiel, ebenfalls die Person des Osmin, die erst auf Mozarts Initiative hin von einer typischen, der Opera-Buffa-Tradition angehörenden Dienerfigur zur charakterlich vielschichtigen Hauptperson des Singspiels wird.
Die Zustimmung des Wiener Publikums ist einhellig.

KV 384: 3. Arie Osmin

Solche hergelaufne Laffen,
Die nur nach den Weibern gaffen,
Mag ich für Teufel nicht;
Denn ihr ganzes Tun und Lassen
Ist, uns auf den Dienst zu passen,
Doch mich trügt kein solch' Gesicht.
Eure Tücken, eure Ränke,
Eure Finten, eure Schwanke
Sind mir ganz bekannt.
Mich zu hintergehen,
Müsst ihr früh aufstehen,
Ich hab auch Verstand.
Drum, beim Barte des Propheten!
Ich studiere Tag und Nacht,
Ruh nicht, bis ich dich seh töten
Nimm dich, wie du willst, in acht.

Singt dem grossen Bassa Lieder,
Dem grossen Bassa Lieder,
Töne feuriger Gesang,
Und vom Ufer halle wider,
Vom Ufer halle wider
Unsrer Lieder Jubelklang.
Weht ihm entgegen,
Kühlende Winde.
Ebne dich sanfter,
Wallende Flut.
Singt ihm entgegen,
Fliegende Chöre,
Singt ihm der Liebe
Freuden ins Herz.

Welcher Kummer herrscht
in meiner Seele.
Seit dem Tag,
da ich mein Glück verloren!
0 Belmonte! Wo sind die Freuden,
Die ich sonst an deiner Seite kannte!
Banger Sehnsucht Leiden,
Wohnen nun dafür
In der beklemmten Brust.
Traurigkeit ward mir zum, Lose,
Weil ich dir entrissen bin.
Gleich der wurmzernagten Rose,
Gleich dem Gras im Wintermoose
Welkt mein banges Leben hin.
Selbst der Luft darf ich nicht sagen
Meiner Seele bittern Schmerz.
Denn unwillig ihn zu tragen,
Haucht sie alle meine Klagen
Wieder in mein armes Herz.

Martern aller Arten, aller Arten
Mögen meiner warten,
Ich verlache Qual und Pein.
Nichts, nichts
Soll mich erschüttern,
Nur dann würd' ich zittern,
Wenn ich untreu,
 Untreu könnte sein.
Lass dich bewegen,
Verschone mich,
Des Himmels Segen
Belohne dich!
Doch dich rührt kein Flehen,
Standhaft, sollst du sehen,
Duld' ich jede Qual und Not.
Ordne nur, gebiete,
Drohe, strafe, wüte,
Zuletzt befreit mich doch der Tod.


Bassa Selim lebe lange,
Ehre sei sein Eigentum!
Seine holde Stirn umschwebe
Jubel, Freude, Glück und Ruhm!
Und sein hoher Scheitel prange
voll von Jubel und von Ruhm.















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