Dienstag, 3. Januar 2012

29. September

Mozart KV 492 Le Nozze di Figaro: Ouverture

Odyssee 18, 138 - 168

Odysseus philosophiert über die Menschen und warnt Amphinomos.
"Ich selbst habe, im Vertrauen auf meine Jugendstärke, in glücklichen Tagen auch manches getan, was ich nicht hätte sollen. Drum warne ich einen jeden, im Übermute nicht zu freveln, und rate ihm, die Gaben der Götter in Demut zu empfangen. So ist es auch nicht klug, daß die Freier sich jetzt so trotzig gebärden und der Gattin des Mannes so viel Schmach antun, der schwerlich lange mehr von seiner Heimat entfernt, der vielleicht so nahe ist! Möge dich, Amphinomos, ein guter Dämon aus dem Haus hinwegführen, ehe du jenem begegnest!"
Der Freier senkt nachdenklich sein Haupt, als ahnte ihm etwas Schlimmes. Und Pallas Athene senkt der Königin in die Seele, vor den Freiern zu erscheinen, einem jeden von ihnen sein Herz recht mit Sehnsucht zu erfüllen, sich durch ihr Betragen vor dem Gemahl, dessen Gegenwart sie freilich noch nicht ahnt, und vor ihrem Sohne Telemach im vollen Glanz ihrer Seelenhoheit und ihrer Treue zu zeigen.



Skandal um 
Pierre Augustin Caron de Beaumarchais’
zeitkritische, 1784 in Paris uraufgeführte Komödie "La folle journée ou le mariage de Figaro": Joseph II. verbietet ihre Aufführung in Wien wegen der Kritik an der gräflichen Unmoral sowie des Sympathisierens mit dem dritten Stand - in Gestalt des Dienerpaares Figaro und Susanna. Mozart hofft, dass seine Oper davon profitiert, obwohl sich die Komödie aufgrund ihrer Länge und komplexen Handlung nicht unbedingt für ein Opernlibretto eignet. 

Lorenzo Da Ponte
erschafft es - italienisch - kongenial mit Mozart.
Da Ponte, Vertreter der italienischen Aufklärung, 1782 an den Wiener Hof gekommen, jüdisches Adoptivkind eines Bischofs, hat ein abentuerliches Leben als Priester, Lebemann, Bühnenautor und Lehrstuhlinhaber hinter sich. Er plädiert getreu nach Rousseau für die 'Società naturale', eine Gesellschaft, die den Menschen nicht Gesetzen unterwirft, die seine Natürlichkeit, seinen Instinkt und die Liebe behindern. Amadé ist sich bewusst, welchen genialen Partner er in da Ponte für seine Musiksprache gefunden hat. Der rational-politisch denkende Schriftsteller trifft den empfindungsbegabten Komponisten: ein Synthese aus Ratio und Emotion, wie sie das 'Drama bourgeois' als Basis eines idealen Gesellschaftslebens propagiert.


Amadé beschreitet mit "Le nozze de Figaro" neue Wege, geht über die Konventionen der Opera buffa hinaus. Er vermenschlicht die typisierten Gestalten, individualisiert sie; er emotionalisiert die unter den Personen herrschenden Beziehungen, nimmt die späteren Errungenschaften der durchkomponierten Oper des 19. Jahrhundert vorweg: Er tägt die Handlung in die Arien hinein; Szenen und ganze Akte erscheinen als zusammenhängende Komplexe. So sind die Finalensembles des II. und IV. Aktes in ihren rasanten Steigerungen nur aus dem dramaturgischen Zusammenhang zu begreifen.
"Figaro" zeigt Mozarts Kunst auf dem Höhepunkt seiner reifen Meisterschaft. Seit seiner letzten vollendeten abendfüllenden Oper, der "Entführung" -->, sind vier Jahre vergangen. In dieser Zeit hat Amadé sein Können durch bahnbrechende Kompositionen vor allem auf dem Gebiet des Klaviers und Streichquartetts weiter vervollkommnet.
Als Amadé KV 488 --> und KV 491 --> vollendet, arbeitet er bereits an der Komposition des Figaro. Mit der Aufgabe, die im April 1786 abgeschlossen ist, hat er vermutlich im Oktober des Vorjahres begonnen. Wenn er in der Zeit von Oktober 1785 bis April 1786 nur Le nozze di Figaro geschrieben hätte, dann müsste man es bereits als ein Wunder bezeichnen, dass ein solches Werk in so unglaublich kurzer Zeit entstehen konnte. Zwischendurch aber schreibt Mozart noch seine beiden schönsten Klavierkonzerte. Und das übersteigt jedes Vorstellungsvermögen.
Die Overture zur Oper komponiert Mozart auch entgegen der Tradition, dort bereits alle Themen vorzustellen.
Er vermeidet ohnehin stets, in einem Vorspiel etwas von dem Gang der folgenden Handlung zu verraten, vielmehr will er Stimmung erzeugen, die er für wichtig hielt. Häufig wird die Ouvertüre als 'Lustspielouvertüre' bezeichnet, der Herausgeber der Gesamtausgabe Hermann Abert beschreibt sie als "die Entfesselung eines unbändigen Lebensdranges, einer Daseinsfreude, wie sie hinreißender nicht zu denken ist."
Die Daseinsfreude erweckt Amadé durch ein rasendes, heiteres Presto, das er die ganze Ouvertüre über beibehält. Inmitten all dieser frechen Gesänge der Holzbläser und der fröhlich-frechen Melodien der Streicher vernehmen wir den aufrührerischen Geist Mozarts. Hier in der Ouvertüre, noch außerhalb der Oper, bietet sich ihm die Möglichkeit, revolutionäre Gesinnung anzubringen, ohne mit dem Adel in Konflikt zu geraten. Es ist ein Diener - Figaro, der sich gegen seinen despotischen Grafen auflehnt und die Position Figaros bestärkt Mozart mit der Gestaltung seiner Ouvertüre, was in dieser Schärfe und Klarheit in der Oper selbst zu äußern ihm aus den gegeben gesellschaftlichen Umständen nicht möglich ist.
Urauffühung ist am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater.
Äußerst geteilte Rektionen des Wiener Publikums in der Premiere: Begeisterungsstürme von Musikliebhabern, eisiger Protest des Wiener Adels, der sich durch Joseph II. nicht lächerlich gemacht sehen wollte.
Zu nah an der Wirklichkeit ist dieses Musikdrama vom bürgerichen Untertan, der mit List die Ehre seiner Geliebten vor den Nachstellungen des Grafen rettet. Die Wiender Aristokratie will mit diesem Parvenü nichts mehr zu tun haben. Eine Ablehnung, die auf Gegenseitigkeit beruht. Amadés Identifikation mit der Freimaureridee und seine Begegnung mit da Ponte lassen das entant terrible auf Distanz zu Hof und Adel gehen.




 















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