Dienstag, 3. Januar 2012

Nachwort


Mozart, der in Verkleidungen aufwuchs, lag viel daran, diese beizubehalten. Den Kinderschuhen entwachsen, muss er erkennen, dass die Küsse, die er für seine Darbietungen in den erlauchten Kreisen empfing, nicht ihm, sondern einem kostümierten Wunder galten. Die Nöte und Sehnsüchte eines zu klein geratenen und wenig ansehnlichen Jungen interessieren niemanden. 
Es gilt, dem Bild des »grossmächtigen Wolfgangus« zu entsprechen. Und so übt er sich weiter in der Kunst des Verkleidens. Selbst seine Briefe, an Eloquenz kaum zu überbieten, machen den Eindruck, als wären sie im Kostüm geschrieben. Ihrer Wirkung konnte er gewiss sein - ob sie ihn nun im Adligenrock, im Trauergewand oder im Harlekinshabitus zeigen - und dass sein wahres Selbst dahinter verborgen bleibt, mag ihm nur recht sein, denn dieses ist für den Umgang mit den Menschen schlecht gerüstet.
Da, wo er es aber hätte offenlegen und einer menschlichen Empfindung zugänglich machen wollen, findet er es in seinem Kostümfundus oft gar nicht mehr. Sein Selbstvertrauen - wenn er denn jemals eines hatte — schwindet zusehends, und seine Angst vor Lebens- und Liebesverlust treibt so manche Stilblüte, die darüber hinwegtäuschen soll, dass hier ein zutiefst verunsicherter Mensch spricht :

Witz oder Wehmut? Scherz oder Schmerz? Dies schreibt ein bereits kranker, müder Amadé, dem Ehre, Ruhm und Preis abhanden gekommen sind und der fürchten muss, auch noch den letzten realen Bezug zu dieser Welt zu verlieren: Constanze.




Was ist aus jenem Helden der Salons geworden, der einem Salzburger Fürsten frech den Dienst aulkündigte, um frei zu sein für die Gunst der Welt, den schließlich doch ein Kaiser aus der ärgsten Not befreite, ein neuer Herr, für den der Knecht Abscheu und Bewunderung in einem hegte? Ein Leporello, der gerne Don Giovanni wäre!
Und was geschieht nun mit diesem Helden, dessen sittliche Kraft jede Schranke niederreißt, dem keine Autorität Einhalt gebieten kann, den weder Bürgermoral noch Aristokratensitte schrecken und der seinen "Opfern" Riegel und Tür zur Lust öffnet? Er fällt seinem eigenen Anachronismus zum Opfer  - und geht unter! Es ist der Zeitgeist, der Hand an ihn legt: der als "steinerner Gast" wiedererstandene Komtur.




Der gleiche mächtige Akkord, der zu Beginn der Don Giovanni-Ouvertüre synkopisch verschoben die gesellschaftliche Basis der Handlung als eine brüchige kennzeichnet, bringt ihn nun zu Fall. Der Boden wird ihm nach allen Regeln der musikalischen Kunst unter den Füßen weggezogen. Es wird deutlich, dass es für ihn in dieser Welt keinen Halt mehr gibt. Wäre Don Giovanni nicht so schlecht auf den Ohren - Leporello ermahnt ihn immer wieder zum Hinhören - wäre ihm auch nicht entgangen, dass ihn dieses disparate d-Moll-Motiv seit seinem Mord am Komtur unablässig verfolgt und jede weitere Eigenmächtigkeit als Verstoß gegen die sittliche Ordnung dieser Welt verwarnt.
Es ist aber auch die Tonart von Mozarts unvollendetem Requiem, mit der er sich von einer Welt verabschiedet, die dem Wunderkind doch so viel Glück verhieß...
                                                         (nach Wilhelm Keitel und Dominik Neuner, Mozart auf Reisen)


Odysseus, der nach 20-jähriger Irrfahrt zurück nach Ithaka kommt, muss feststellen, dass sich seine Heimat verändert hat, auch er in seiner Psyche und seinen Empfindungen weit weg von den Realitäten....
Schwelbrände lodern dort, wo einst blühende Landschaften waren, Reichtum ist in Armut umgeschlagen. Die Menschen empfangen den einstigen Helden keinesfalls freundlich, nennen ihn Städteverwüster und Verbrecher. Sogar seine Frau Penelope erweist sich als äußerst zurückhaltend. Politisch hat sich eine Opposition, die Reformer, gebildet. Und Odysseus? Er tut das, was er immer getan hat, schlägt die Reform blutig nieder …
Wird diese Interpretation Ransmayrs "Odysseus, Verbrecher" der Odyssee gerecht?
Der Krieg hat keine Gewinner. Selbst wenn jemand lebend entkommt, ist er an der Seele beschädigt. Wie wahr - aber einzige Aussage Homers? Sie zielt lediglich auf das Hirn des Lesers, nicht aber auf das Herz. Sie erinnert an jene staubtrockene Schullektüre, mit der Deutschlehrer ihre gelangweilten Mittelstufenschüler quälen, ihnen damit jegliche Liebe zur Literatur  gründlich austrieben, wo alles getilgt ist, Zwischentöne und Beiwerk  - also all das, was ein Buch lesenswert macht.

Lest die Odyssee, 
fahrt nach Ithaka, 
nach Troja 
und 
in die Ägäis!

Lauscht der
Musik  
Amadés! 





An der Form der Odyssee haben wir im Lauf des Jahres - soweit ersichtlich - erstmalig - festgestellt:
Jeweils etwa 30 Verse erzählen eine Episode, exakt ein Jahr braucht also ein Sänger, um die Odyssee in 365 Stücken vorzutragen.




Amadeus und Odysseus, Amadysses, verwobene Biografien, die erzählen wie es zugeht auf der Welt, wo ein jeder von uns entlangzieht auf seiner Odyssee ...





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